Voller Einsatz für fairen Saft

Wer das erste Mal durch einen Emmi Betrieb spaziert, ist nicht selten überrascht, wenn er zwischen Jogurts und Milchgetränken plötzlich einen Orangensaft oder Eistee entdeckt. Da solche Getränke an Produktion und Logistik ähnliche Anforderungen stellen wie Milchprodukte, ist dies nicht so exotisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Seit einigen Wochen ist das Saftsortiment um ein besonderes Produkt reicher: Der frisch gepresste Orangensaft der Coop-Marke Betty Bossi wird neu aus Fair-Trade-zertifizierten Orangen hergestellt und ist damit einer der Ersten dieser Art.

Jeder Emmianer kennt Elvis – nicht den King of Rock’n’Roll, sondern den Eistee. Elvis ist eines der milchfremden Getränke, die Emmi seit vielen Jahren für ihre Kunden herstellt. Dies ist sinnvoll, weil Säfte und Tees auf denselben Anlagen wie Milchprodukte abgefüllt und bei Bedarf auch an die Kühlkette angeschlossen werden können.

Um für Coop den Betty-Bossi-Orangensaft aus frisch gepressten Orangen neu aus fairem Handel anbieten zu können, musste Emmi jedoch mehr einbringen als ihr übliches Produktions- und Logistikfachwissen.

Börsenspekulationen bestimmen Preise

Neben Weizen oder Soja ist Orangensaft einer der am häufigsten gehandelten Agrarrohstoffe der Welt. Obwohl in vielen Ländern Orangen an-gepflanzt werden, kommen 90 % des weltweit gehandelten Orangensafts aus Brasilien und den USA. Der Orangenhandel zeichnet sich durch grosse Hektik und extreme Preisschwankungen aus, die in der Regel an die Orangenbauern und Pflücker weitergegeben werden. Der Markt wird von einigen wenigen Unternehmen beherrscht. Fairer Handel ist unter diesen Bedingungen eine Herausforderung, und es ist nicht selbstverständlich, dass die Produzenten vom Verkauf ihrer Ware auch leben können. Faire Preise und stabile Einkommen für Kleinbauernfamilien und Plantagenarbeiter in Entwicklungsländern stehen bei Fair Trade im Zentrum. Auch Umweltschutz ist ein Thema, wobei vor allem die direkten Auswirkungen des Anbaus betrachtet werden. Der ökologische Fussabdruck eines Produkts, inklusive Verpa-ckung und Logistik, steht wiederum bei anderen Labels im Vordergrund.

Coop: 100 % Fair Trade als Ziel

Die Detailhändlerin Coop hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2017 alle in Eigen-markenprodukten eingesetzten Rohstoffe aus Entwicklungs- und Schwellenländern vom Fair-Trade-Label Max Havelaar zu beziehen. Auch im Produktportfolio, das Emmi für Coop herstellt, hat es Rohstoffe aus diesen Gebieten, beispielsweise Orangen aus Brasilien. "Wir unterstützen Coop mit verschiedenen Projekten bei der Erfüllung ihrer Nachhaltigkeitsziele", so Emka Husak, Key Account Managerin Retail bei Emmi.  Fair gehandelten Orangensaft herzustellen, wäre für Emmi keine besondere Herausforderung gewesen. Der langjährige Lieferant hätte diesen über einen der grossen Orangenhändler beschafft. Das Problem: Fair-Trade-zertifizierter Orangensaft ist in der Regel nur als gefrorenes Konzentrat erhältlich. Der geschmacklich beste Fruchtsaft ist jedoch Direktsaft. Der Grund: Er erfährt im Laufe seiner Herstellung eine deutlich geringere Hitzebelastung als Fruchtsaft aus Konzentrat. Doch gemäss Amir Maslic, Marketingvertreter in diesem Projekt, gilt dies nicht uneingeschränkt: «Wir haben regelmässig Saftproben zum Degustieren erhalten, aber keine davon hat unsere geschmacklichen Anforderungen auch nur ansatzweise erfüllt.» Also blieb Emmi nichts anderes übrig, als direkt auf die Orangensaftproduzenten zuzugehen.

Selber in Augenschein nehmen

Gesucht hat Emmi in Brasilien, wo die für Direktsaft am besten geeignete Orangensorte angepflanzt wird und bei optimalen Bedingungen reifen kann. Denn: Wie eine Orange schmeckt, hängt von der Konzentration 25 unterschiedlicher Aromastoffe – von der Buttersäure bis zum Vanillin – ab. Fündig wurde man bei einem auf Fair-Trade-Zitrusfrüchte spezialisierten Händler. Dieser arbeitet in Brasilien mit kleinbäuerlichen Vereinigungen zusammen. So kam der Kontakt mit einer Kooperative im Bundesstaat São Paulo zustande. Dies ist ein Zusammenschluss von rund 60 kleinen Familienbetrieben. Das Ziel dieser Kooperative ist es, den Zitrusfrüchteproduzenten und -pflückern im «Orangengürtel» von São Paulo ein existenzsicherndes Einkommen zu gewähren. Die Fair- Trade-Prämie wird gemeinschaftlich genutzt und fliesst in soziale Förderprogramme und den Umweltschutz.

Dass solchen Erzeugnissen tatsächlich eine faire Verteilung der Gewinne entlang der Wertschöpfungskette zugrunde liegt, dafür sind Fair- Trade-Organisationen wie Max Havelaar besorgt. Qualitätsaspekte sind daher nicht die oberste Priorität. Für Emmi hingegen schon. Deshalb reisten Einkäuferin Stefanie Plangger und QSU-Leiter Jörg Sommer nach Brasilien, um die gesamte Lieferkette (Plantage, Verarbeitung und Logistik) zu prüfen.

In einem ausführlichen Lieferanten-Audit bewertete Emmi die Kooperative, den Orangensaftproduzenten und den Händler hinsichtlich Qualität, Umweltschutzmassnahmen, Sicherheitsbemühungen und Logistik. Mit einem erfreulichen Fazit: Mit diesen Partnern ist es möglich, einen qualitativ hochstehenden, frischen Fair-Trade-Orangensaft herzustellen. Und so kam es: Seit November ist der Fair-Tradezertifizierte Coop-Betty-Bossi-Blondorangensaft bei Coop zu finden.

Aus Nachhaltigkeitssicht hat dieser Saft übrigens einen weiteren Vorzug: Er wird in Brasilien hergestellt. Das bedeutet, erstens ist es umweltfreundlicher, weil nicht die ganzen Orangen nach Europa transportiert werden müssen, und zweitens verbleibt ein grösserer Teil der Wertschöpfung im Ursprungsland.